Archiv - Reden
Die gesellschaftliche Verantwortung des Akademikers für ein erfolgreiches Miteinander
Verantwortung – Zuverlässigkeit – Toleranz
Rede von REINULA BÖCKER anläßlich des 23. Stiftungsfestes der DHG Fidelitas-Karlstein
Lassen
Sie mich eines gleich vorab feststellen: Ich fasse im Folgenden den
Begriff des Akademikers sehr weit. Ich spreche mit meinen Ausführungen
zu allen, die eine weiterführende Ausbildung erfahren haben. Ein Mensch
mit guter Ausbildung, ein Akademiker, ein Meister o.ä. ist nicht besser
als ein anderer der nicht das Privileg einer guten Ausbildung genossen
hat. Er muss nur mehr geben in dieser Gesellschaft. Viele BürgeInnen
tun dies aus und in ihrem täglichen Leben und Handeln, sie leiten
Betriebe, arbeiten ehrenamtlich und gemeinnützig, betreiben aktive
Nachbarschaftshilfe. Sie sollen uns Vorbild sein.
Die Aufgaben des Akademikers in der Gesellschaft begründen sich auf verschiedene Dinge: den Begabungen und Fähigkeiten, der höheren Bildung und Ausbildung und dem größeren Horizont. All die Gut-Ausgebildeten sind befähigt und gefordert Verantwortung zu tragen für die Gemeinschaft über das eigene Selbst hinaus. Warum stehen wir in einer solchen Verpflichtung? Gegebene Gaben nicht einzusetzen, heißt sie zu verschwenden. In einer Welt in der jede Hand gebraucht wird, um ein gutes und friedliches Miteinander zu gestalten, ist die Verweigerung des Einzelnen eine gefährliche Verschwendung. Übernimmt nicht ein anderer unsere Aufgaben zusätzlich, werden sie nicht getan. Ich bin mir nicht sicher, ob wir uns angesichts der momentanen Entwicklung unserer Gesellschaft leisten können, so zu handeln. Aber es gibt noch mehr Gründe: Diese Gesellschaft, also alle anderen, unsere Familien, die Gemeinde und die öffentliche Hand, haben ihrerseits ihre Verantwortung uns gegenüber wahrgenommen. Sie haben uns ein previligiertes Aufwachsen in einer friedlichen Umgebung ermöglicht und viel Geld und Mühe investiert um uns so gut auszubilden, als es ihnen möglich ist und unseren Begabungen entspricht. Das ist geschehen, um uns zu befähigen, unseren Platz einzunehmen und unserer Aufgabe nachzukommen. Wenn wir dies verweigern, drücken wir uns und stehen in der Schuld.
Was also sind unsere Aufgaben?
Lassen Sie mich heute über drei davon sprechen:
Über die
Verantwortung, die
Zuverlässigkeit und die
Toleranz.
Was bedeutet es Verantwortung zu tragen?
Verantwortung
heißt, für die Konsequenzen der eigenen Handlungen und der anderer
einzustehen. Ursprünglich bedeutete der Begriff „antworten“, also
antworten können, wenn wir nach dem Warum gefragt werden. Es heißt auch
„im Wort stehen“. Es geht immer einher mit einem Verantwortungsgefühl
und richtet sich in die Zukunft. Denn wir übernehmen Verantwortung für
Dinge und Handlungen deren Ausgang wir noch nicht kennen.
Manche
können die Verantwortung für sich selbst und ihr eigenes Leben nicht
tragen, sie brauchen die Solidarität anderer. Andere können sich selbst
gut durchs Leben bringen. Wieder andere sind mit Gaben, Fähigkeiten und
Wissen gesegnet, dass sie befähigt für sich und andere Verantwortung zu
übernehmen. Das ermöglicht ihnen, auch in der Gesellschaft eine Rolle
zu übernehmen, die die Gemeinschaft mitträgt und weiterentwickelt. Wer
viele Gaben hat, muss auch viel geben. Das ist unsere Verantwortung.
Wir müssen im Wort stehen und dieses zuverlässig erfüllen. Uns fragen
wo wir stehen, was unser Beitrag ist und wie wir ihn leisten können.
Als Akademiker werden wir ausgebildet, um die Entwicklung in
Unternehmen mit voranzutreiben, Neues und Besseres zu entdecken und für
alle nutzbar zu machen. Wir sollen proaktiv sehen was getan werden muss
und handeln. Wir werden in Teams und Arbeitsgruppen, aber auch in
Hierarchien Leistungsträger sein und oft Führungsaufgaben übernehmen.
Wir sollen Entscheidungen treffen und für diese einstehen. Wir müssen
Vorbild sein für andere und auch betrieblich für uns und andere
einstehen.
Einige Topmanager aber auch viele Führungskräfte in Unternehmen geben ebenso wie manche Politiker schlechtes Beispiel. Sie übernehmen eben keine Verantwortung, tragen die Konsequenzen des eigenen Handelns ebenso wenig wie die des Handelns derer denen sie vorstehen. Sie erfreuen sich an der Macht die sie ausüben können und nutzen sie um den eigenen Vorteil zu sichern, das eigene Einkommen, die eigene Karriere. Wenn etwas schief geht, meinen sie sich aus den Konsequenzen herausnehmen zu können und diese den Untergebenen aufzuhalsen. Ihre Beschäftigungsverträge geben ihnen dazu die Möglichkeit. Die Gesellschaft muss lernen, dieses Verhalten nicht als clever und smart anzuerkennen, sondern es als verantwortungslos zu brandmarken. Es ist beschämend, peinlich und absolut zerstörerisch für unsere Gesellschaft solche Bespiele immer wieder zu erleben. Wir müssen und können dafür Sorge tragen, dass zumindest wir anders handeln und uns verantwortlich zeigen.
Eine weitere Tugend: Zuverlässigkeit
Ein
jeder von uns hat also Aufgaben und muss diese erfüllen. Wir sind nicht
zum Spaß hier, sondern um unseren Platz einzunehmen. Beruf heißt nicht,
permanent das zu tun was wir wollen, dann wenn wir es wollen, sondern
das zu tun was erforderlich ist, dann wenn es erforderlich ist. Nur so
sind wir zuverlässige Kollegen und Partner. Wer einsieht dass es besser
ist, die Dinge jetzt zu tun, statt sich vor ihnen zu drücken um dann
mit schlechtem Gewissen herumzulaufen, tut sich selbst einen großen
Gefallen. Wer seine Kraft nicht vergeudet mit dem Sinnlosen Trotzen,
sondern einsetzt für die Aufgabe, zeigt sich seiner Verantwortung
gewachsen. Und das, ohne dass uns jemand täglich dazu animiert, modern
auch motiviert genannt. Modernes Arbeitsleben funktioniert nur, wenn
jeder einzelne seine Kraft und Zeit optimal einsetzt, das verlangt ein
hohes Maß an Disziplin.
Der Lohn? Wir werden zuverlässiger Partner für andere, gewinnen oft Zeit und Kraft für uns selbst und können diese dann nutzen, um in der gewonnenen Zeit das zu tun was und Spaß macht.
Und zu guter Letzt: die Toleranz
Unsere Verantwortung gegenüber der Gesellschaft ist gerade in Zeiten
steigenden Fremdenhasses, Isolation von Migranten, Kampf der
Weltreligionen und großer Zukunftsängste vieler Mitbürger, diese größer
werdende Welt zu begreifen, ihr aufgeschlossen zu begegnen und sie, wo
möglich, als Bereicherung zu empfinden und anzunehmen. Denn auch wenn
der Einzelne das Empfinden haben mag, diese Welt wäre größer
geworden,so wird sie doch täglich kleiner und wir Menschen werden
täglich mehr die sich diesen Planeten miteinander teilen müssen.
Toleranz ist ein Wert, der in der heutigen Gesellschaft positiv belegt ist. Sie wird von allen verlangt, ist aber wie kaum ein anderer Wert schwer zu greifen in seiner täglichen Umsetzung und wie kaum ein anderer notwendig um ein gutes und erfolgreiches Miteinander zu ermöglichen.
Toleranz meint heute, den anderen so sein zu lassen wie er ist, ohne
dabei gleichgültig wegzuschauen, sondern gerade die Unterschiede
aufmerksam wahrzunehmen.
Die Andersartigkeit, die anderen Werte, das andere Handeln, den anderen
Glauben zu erkennen und ihn zu zulassen, ohne zu verurteilen.
Das ist tägliche harte Arbeit eines jeden Einzelnen und erfordert
stetes aufmerksames Beachten des eigenen Handelns.
Der Lohn ist eine Gesellschaft, die eben auch das Selbst toleriert, vielfältig und bunt ist. Die es erlaubt, verschiedene Wege und Werte vorzuleben und zu erfahren, den Horizont erweitert, Lernen ermöglicht. Denn vor allem das können wir von anderen, die anderes tun oder wert schätzen: wir können viel von ihnen lernen.
Wie kommen wir also zu Toleranz?
Toleranz heißt erkennen, zuerst uns selbst. In der Selbsterkenntnis liegt der Schlüssel. Wie kann ich anderes erkennen, ohne mich selbst zu kennen?
Es bedeutet sich selbst zu sehen, die eigenen Werte und Wege bewusst zu erleben. Wo komme ich her, wie sehe ich bestimmte Dinge, was ist mir wichtig, wie erledige ich meine Aufgaben, wie sehe ich die Welt? Wo stehe ich in Familie und Gesellschaft, was sind meine Erfahrungen, meine Stärken, was kann ich nicht? Finde ich mich so wie ich bin gut, bin ich noch auf dem Weg zu dem Menschen der ich sein will? Wenn wir wissen, wie wir die Welt sehen und durch welche Filter wir unsere Eindrücke laufen lassen, wenn wir uns selbst im Großen und Ganzen akzeptieren, ist die erste Voraussetzung geschaffen.
Das genaue Bild des Selbst ermöglicht erst das Erkennen dessen, was anders ist und erst dann können wir dieses andere für uns genau beschreiben. Wenn ich es definieren kann und von seinen Vorurteilen entblättere, kann ich prüfen, ob ich es annehmen kann.
Wenn wir uns annehmen, dann können wir den anderen sehen mit seiner Seinsgeschichte, seinen Erfahrungen und Werten und können anfangen zu verstehen, dass andere sich auch ok finden, so wie sie sind.
Wenn wir wissen was unsere eigenen Ziele und Interessen sind, können wir die des anderen erkennen. Wenn wir die eigenen Wege und Handlungen kennen, können wir die des Gegenübers sehen und wo sie sich von unseren unterscheiden.
Wir können beginnen, gemeinsame Interessen und Ziele zu finden und Lösungen zu erarbeiten für Grenzfälle, anstatt stur auf unseren Wegen zu beharren.
Freilich müssen wir unsere Erkenntnis dann ergänzen um die Bereitschaft in Lösungen zu denken und nicht in Problemen. Die Neugier auf Anderes und der Wissenshunger sollten uns dabei antreiben.
Wie ist Toleranz zu leben?
Seinen wir offen und neugierig. Andere machen Dinge anders. Das heißt
nicht immer, aber eben manchmal, besser. Wenn wir den Abgleich schaffen
ohne Vorurteile in unsere Bewertung einfließen zu lassen, dann können
wir oft lernen aus dem, was andere so anderes tun. Wenn wir nicht
beweisen müssen, dass wir alles besser können, können wir den anderen
tun lassen. Wenn wir uns schätzen können, können wir in unseren
Partnern den wertvollen Menschen erkennen, der er ist.
Was ist der Lohn?
In unserer Gesellschaft ist der Lohn ein friedlicheres Miteinander. In
Teams und Familien ist es der gewonnene Raum für gemeinsame Ideen und
Visionen, die Erfahrung vieler Facetten der Palette statt weniger
einzelner. Wir können unseren Horizont erweitern und vieles lernen,
auch über und selbst.
Die Gefahren falsch verstandener Toleranz:
Toleranz ist nicht Gleichgültigkeit. Wegsehen heißt ja genau nicht den
Schritt zu tun, den anderen in seinem Anderssein erkennen zu wollen. Es
ist faul und nachlässig dem Mitmenschen gegenüber, es ist interesselos
und verhindert ein gemeinsames Lernen.
Ebenso ist Toleranz kein Freibrief unter deren Schutzmantel wir uns allerhand erlauben können. Tun was wir wollen und auf Einspruch der anderen hin, Toleranz verlangen. Wir alle nötigen täglich unseren Mitmenschen einiges ab. Wo Toleranz beginnt und wo diese endet, was wir nicht mehr tolerieren, das hat diese Gesellschaft klar definiert in Gesetzen, Verordnungen und Regeln, in gemeinsamen Werten und Sichtweisen. Und auch in jeder Beziehung zwischen Menschen ist die Grenze der Toleranz definiert. Bestrafung und Sanktionen sind klar und werden bei gravierenden Verstößen verhängt. Anderen immer wieder abzuverlangen, eigenes Handeln das gegen die Regeln verstößt hinzunehmen, ist nicht nur ein sich auf der Toleranz anderer ausruhen, es ist und bleibt eine Missachtung vereinbarter Spielregeln. Und muss früher oder später beantwortet werden. Kinder suchen nach dieser Antwort, überschreiten Grenzen um sie für sich erlebbar zu machen. Der erwachsene Mensch hat durch die Selbsterkenntnis genügend Einsicht gewonnen um diese Grenzen zu achten und sie auch durchzusetzen. Eine Pflicht, die genauso zur Toleranz gehört, wie das oben gesagte.
Was ist unsere Aufgabe?
Verantwortung zu übernehmen für uns und andere, für unser Handeln und
das von anderen. Aktiv zu sein und zuzupacken. Vorbild zu sein.
Toleranz zu leben und umzusetzen. Nicht gleichgültig sein, aber auch
die Großzügigkeit anderer nicht überzustrapazieren. Täglich zu prüfen
was man tut, wie man auf andere zugeht und an ihnen handelt. Sich
selbst, die eigenen Werte zu hinterfragen und zu leben. Also bewusst
gestalten und nicht unbewusst machen.
Was wir dazu benötigen ist ein ausgesprochenes Ausmaß an Disziplin und
Zuverlässigkeit. Sie ist das Handwerkszeug das uns ermöglicht, den
Ansprüchen der modernen Gesellschaft an uns gerecht zu werden und
unsere Verantwortung wahrzunehmen. Sie verhindert dass wir uns drücken,
sie macht uns zuverlässig und leistungsfähiger.
Dann können wir gemeinsam eine Gesellschaft weiterentwickeln und ein erfolgreiches und friedliches Miteinander finden.
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