DHG Fidelitas-Karlstein

Archiv - Reden

 

Naturverbundenheit

Eine Rede von Edmund Mühlhans auf der Semesterabschlusskneipe der DHG Fidelitas-Karlstein am 08.02.2002


Der Wahlspruch der Deutschen Hochschulgilde Fidelitas-Karlstein lautet "Freundschaft, Ehre, Naturverbundenheit".

Ich werde heute zum letzteren dieser 3 Begriffe, also zum Thema "Naturverbundenheit" sprechen. Der Bezug zur Natur ist ein Teil unserer Zielsetzung, die im § 2 unserer Satzung wie folgt formuliert ist:

"Die Mitglieder der Gilde haben sich in Freundschaft verbunden mit der Absicht,

  • sich gegenseitig in allen Lebenslagen zu unterstützen und einander hilfreich beizustehen,
  • gemeinsam nach Kräften dazu beizutragen, daß Frieden, Recht und Ordnung im Sinne des Grundgesetzes in der Bundesrepublik Deutschland und in Europa erhalten bleiben,
  • durch gemeinsame Betätigung in der freien Natur nach Gesundheit und körperlicher Ertüchtigung zu streben und zugleich das Verständnis für Natur und Umwelt zu fördern,
  • miteinander Kultur, Frohsinn und Geselligkeit zu pflegen."

Ein Ziel unseres Zusammenschlusses zu einer Verbindung war also von Anfang an die Absicht, uns in der freien Natur gemeinsam zu betätigen, um uns dadurch körperlich zu ertüchtigen und das Verständnis für Natur und Umwelt zu fördern. Ich kann und will hier allerdings nicht ausschließen, dass in diesem Punkt einige junge Mitglieder unserer Gilde möglicherweise noch einen gewissen Nachholbedarf haben. Aber was noch nicht ist, das kann ja noch werden. Für mich war dies mit ein Grund, das Thema "Naturverbundenheit" zum Gegenstand meines heutigen Vortrags zu wählen.

Alles was ich heute hier vortragen werde, entspringt meiner persönlichen Lebenseinstellung und meiner eigenen Lebenserfahrung. Ich werde über meine individuelle Verbindung zur Natur berichten und meine Interpretation des Begriffs Naturverbundenheit erläutern. Mein Vortrag hat auf keinen Fall den Anspruch einer allgemein gültigen Lehre. Vielmehr bin ich der Meinung, dass jedermann seine persönliche Verbindung zur Natur auf seine ihm eigene Weise suchen und finden sollte.

Gliederung

Zur Vermeidung von Missverständnisen werde ich einleitend zunächst einmal klarstellen, was ich in meinen weiteren Ausführungen mit den Begriffen "Natur" und "Freie Natur" sowie "Naturverbundenheit" meine und wie ich diese Begriffe verstehe.

Danach werde ich auf die Fragen eingehen:

Was ist unter den Begriffen Natur und Freie Natur zu verstehen?

Ganz allgemein ist Natur definiert als:
"Der Kosmos mit seiner Materie, seinen Erscheinungsformen, Kräften und Gesetzlichkeiten."

Im engeren Sinn wird Natur verstanden als:
"Alles was von menschlicher Tätigkeit unverändert da ist." Das ist die uns umgebende Welt mit Ausnahme von Zivilisation, Kultur und Technik. Konkret ausgedrückt: Der Begriff Natur umfasst diejenigen Bereiche der Pflanzen- und Tierwelt sowie die Landschaften, die nicht durch die Zivilisation geschaffen oder geprägt sind.

Unter dem Begriff "Freie Natur" werden im allgemeinen Sprachgebrauch Landflächen verstanden, die nicht durch Siedlungen, Industrie oder andere Infrastruktur bedeckt sind. Dabei ist zu unterscheiden zwischen ursprünglicher Natur und kultivierter Natur.

Die in unsererem dicht besiedelten mitteleuropäischem Raum vorhandenen Naturflächen sind fast alle das Ergebnis der Kultivierung. Selbst die Naturschutzgebiete, die meist nur wenige Hektar umfassen, sind in der Regel durch zivilisatorischen Maßnahmen entstanden. Überwiegend handelt es sich dabei um Flächen, die aufgrund früherer Nutzungen für die Land- und Forstwirtschaft unbrauchbar geworden sind. In manchen offiziellen Naturschutzgebieten finden auch immer wieder regulierende Eingriffe statt. Es werden unerwünschte Pflanzen ausgerottet, um einen bestimmten Biotopcharakter zu erhalten. Der Zustand dieser Naturschutzgebiete ist dann nicht durch die Natur sondern durch menschliche Tätigkeit bestimmt.

Ursprüngliche Natur finden wir in Deutschland nur noch an den Küsten und im Hochgebirge. Dort gibt es noch einige Flächen, deren Zustand nicht auf menschliche Einwirkungen zurückzuführen ist. Von manchen Leuten, werden diese urbelassenen Naturflächen als unwirtlich und lebensfeindlich empfunden und deshalb gemieden. Eine solche Betrachtungsweise lässt allerdings auf mangelhafte Verbindung zur Natur schließen.

Die kultivierte Natur umfasst die land- oder forstwirtschaftlich genutzten Flächen. Obwohl es sich hierbei ganz klar um kultivierte und nicht um natürliche Areale handelt, hat der Begriff "Natur" hier dennoch seine Anwendungsberechtigung. Auch in den Monokulturen der Land- und Forstwirtschaft bewirken die Urkräfte der Natur, dass aus dem, was von Menschenhand gesät und gepflanzt wurde, im Zusammenspiel von Erde, Wasser, Sonne und Luft sich das entwickelt, was später geerntet wird. Außerdem bilden die Kulturen der Land- und Forstwirtschaft auch einen reichhaltigen Lebensraum für viele, teilweise als Unkraut bezeichnete Pflanzen sowie für Kleinsäugetiere, Vögel, Insekten, Käfer und andere Lebewesen, deren Existenz für die Erhaltung der natürlichen Artenvielfalt sehr wichtig ist. Insofern sind auch diese Monokulturen ein Stück Natur.

Was ist Naturverbundenheit? Wann ist ein Mensch naturverbunden?

Ein Mensch ist nach meinem Verständnis dann naturverbunden, wenn er eine innere Beziehung zur Natur hat. Ein naturverbundener Mensch fühlt sich in der freien Natur irgendwie geborgen, auch wenn die Umstände vordergründig unfreundlich und nach allgemeinem Sprachbegriff trostlos sind. Wer naturverbunden ist, erlebt die jahreszeitlichen Veränderungen der Tier- und Pflanzenwelt als eine Veränderung und Weiterentwicklung seines eigenen Lebens. Naturverbundene Menschen empfinden Schädigungen der Natur wie eine Verletzung des eigenen Körpers.

Wie findet man Verbindung zur Natur?

Die Verbindung zu einer Person, mit der man eine freundschaftliche Beziehung aufbauen möchte, findet man nur über persönliche Kontakte. Entsprechend kann man auch eine innere Verbindung zur Natur nur durch persönliche Kontakte mit der Natur finden.

Ich habe diese Kontakte mit der Natur zwangsläufig in früher Jugend gehabt, als ich im Alter von 12 bis 18 Jahren einen 7 km langen Schulweg hatte, der durch Wald und Feld führte. Zwei Jahre lang legte ich diesen Weg in der Not der Nachkriegszeit sogar zu Fuß zurück. Später hatte ich dann ein Fahrrad. Auf diesem Schulweg lernte ich alle Erscheinungsformen der freien Natur mit den jahreszeitlich wechselnden Landschaftbildern und vielen interessanten Einblicken in die Tier- und Pflanzenwelt aber auch mit Unbilden der Witterung wie Hitze, Regen und grimmiger Kälte kennen. Auf mich wirkte die Natur damals schon als etwas Friedvolles, Gesundes und Heiles im Gegensatz zu den Städten, die zu dieser Zeit zwar frei von Autoverkehr aber weitgehend zerstört waren und unheilvolle Erinnerungen an Kriegsereignisse weckten.

Den Kontakt zur Natur kann man natürlich auch auf weniger brutale Weise finden, als dies bei mir der Fall war. Ohne aktives Zutun geht dies allerdings nicht. Alle wollen heute zurück zur Natur, viele wollen dies aber nicht zu Fuß. Mit den heute verbreiteten Programmen der Freizeitgestaltung und beim Urlaubs-Rummel in den Touristikzentren findet man keinen Naturkontakt.

Ich kann nur jedem empfehlen, die freie Natur konsequent zu allen Jahreszeiten aufzusuchen und mit allen Sinnen wahrzunehmen. Dazu muß man das Menschengetümmel verlassen. Die interessante Natur fängt erst 1 Kilometer hinter dem Parkplatz an. Die waldreiche Umgebung Darmstadts und der Odenwald mit seinen abwechslungsreichen Landschaftsbildern bieten beste Möglichkeiten für Naturkontakte. Aber auch das Ried, vermittelt mit seiner weiten ebenen Fläche, seinen Feuchtbiotopen und Waldzonen dem Besucher Natur pur.

Wenn ich mich alleine durch die menschenleere Natur bewege, sei es beim Joggen, Wandern oder Bergsteigen, habe ich immer das Gefühl, dass ich in der Natur aufgehe, und selbst ein Teil dieser Natur werde. Auch von den Tieren des Waldes werde ich wohl als Teil der Natur empfunden. Rehe, auf die ich mich joggend zubewege, flüchten nicht vor mir in Panik. Sie gehen mir nur aus dem Weg so ca. 10 m in den Wald hinein und schauen zu, wie ich vorbeilaufe. Andererseits bin ich beim Joggen auch schon von einem großem Greifvogel angegriffen worden, der mich wohl aus seinem Revier vertreiben wollte.

In der jetzigen Jahreszeit machen Feld und Wald auf den ersten Blick einen trostlosen Eindruck. Wer jedoch genau hinschaut, kann seit einigen Tagen schon Vorboten des Frühlings erkennen.

Als erstes kommen im Vorfrühling immer die frischen Gräser. Inzwischen blühen auch schon die Haselnuß- und Weidenkätzchen, die durch die Wärme der letzten Tage in diesem Jahr besonders früh explodiert sind. Wer Glück hat, kann im Wald auch ein wildwachsendes Schneeglöckchen finden, das hoffentlich nicht gepflückt wird, damit es sich fortpflanzen und im nächsten Jahr dort wieder blühen kann. Im März kommen dann die Veilchen, danach das gelbe Scharbockskraut und im April die Buschwindröschen, die im Westwald dann hektarweise den Waldboden bedecken und den Waldbesucher frühlingshaft begrüßen.

Ein besonderes Erlebnis ist für mich jedes Jahr das österliche Grün mit den kleinen Blättchen, das nur wenige Tage dauert, weil danach der Buchenwald schlagartig grün ist und sein volles Laubdach entfaltet hat. Zu diesem Zeitpunkt blühen dann im Wald auch vereinzelt Wildkirschen Schlehen und andere Gehölze, die dem Wald ein frühlingshaftes Bild verleihen.

Wenn der Wald seinen vollen Begrünungszustand erreicht hat, geht das Frühlüngserlebnis durch die Obstbaumblüte auf Wiesen und Feldern weiter. Als letztes blühen im Darmstädter Westwald die Akazien mit ihren weißen Blütentrauben, die man allerdings hauptsächlich durch den intensiven süßlichen Geruch wahrnimmt. Kurz vor der Sommersonnenwende kann man bei abendlichem Waldbesuch die Glühwürmchen beobachten, die zu dieser Jahreszeit in unseren Wäldern aktiv sind und ziemlich genau um 22 Uhr ihre Lichter einschalten.

Ein immer wiederkehrendes Naturerlebnis ist für mich alljährlich die Getreidereife. Das im Herbst gesäte Wintergetreide ist jetzt Anfang Februar ca. 1 dm hoch. Wenn man die Natur regelmäßig aufsucht, sieht man es heranwachsen. Es wächst in der warmen Zeit pro Tag um ungefähr 1 cm, bildet Ähren, und in der großen Sommerhitze wird das Feld gelb. An heißen Tagen produziert ein Getreidefeld viele Stickoxide, die man insbesondere dann wahrnimmt, wenn es windstill ist, weil sie sich dann nicht mit der übrigen Luft vermischen und in der unteren Schicht der Atmosphäre liegen bleiben. Mich erinnert dieser landwirtschaftliche Smog immer wieder daran, dass die Menschheit ohne Einsatz von Kunstdünger heute nicht mehr ernährbar wäre. Eines Tages ist das Feld dann gemäht und die runden Strohballen liegen auf dem Stoppelacker. Dies ist für mich zugleich das Signal, dass es mit dem Sommer nun abwärts geht. Wenn der Wind über die Stoppelfelder weht, ist es mit der großen Hitze im allgemeinen vorbei.

Zu Beginn des Herbstes werden dann die Wälder bunt und es beginnt die große Zeit des Laubfalles. Viele Bäume und Sträucher sind zu dieser Zeit mit Früchten reichlich beladen. Ich meine damit nicht nur die Obstbäume, die auf den Wiesen des Odenwaldes heute kaum noch abgeerntet werden sondern auch Eichen, Ebereschen, Hagebutten, Schlehen und Holunder. Für die Tiere des Waldes und des Feldes besteht zu dieser Zeit ein überreiches Angebot an Nahrung.

Im Dezember nehmen Wald und Feld dann ihren Winter-Schlafzustand an, der bis Februar andauert, und in schneereichen Jahren von winterlichen Landschaftsbildern durchsetzt ist.

So endet ein Jahr und das neue kann beginnen und wir sind wieder älter geworden.

Wie pflege ich meine Verbindung zur Natur?

Ich persönlich pflege meine Verbindung zur Natur seit vielen Jahren hauptsächlich dadurch, dass ich das Angenehme mit dem Nützlichen verbinde. Das Nützliche ist der ärztlich empfohlene Ausdauersport in Form von Jogging durch Wald und Feld. Das Angenehme sind die vielfältigen Naturerlebnisse die zu jeder Jahreszeit mit dieser Betätigung in der freien Natur verbunden sind. Ich wandere auch gerne in der schönen Landschaft Südhessens, aber auch in entlegenen Gegenden um die dortigen Landschaften kennenzulernen.

Eine enge Bindung die ich gerne pflege, habe ich auch zu den naturbelassenen Gebirgsregionen der Alpen. Dort finde ich noch die echte ursprüngliche Natur.

Beim Bergsteigen und Bergwandern ist in der Regel der Weg das Ziel. Zweifelsohne ist der Gipfelblick bei guten Sichtverhältnissen immer die Krönung einer Bergtour. Beeindruckende Naturerlebnisse gibt es aber auch stets unterwegs. Mich fasziniert immer wieder, wie Tiere und Pflanzen in rauhen Gebirgsregionen überleben und gedeihen können. Erstaunt hat mich z. B. ein Schwalbennest an einer aus dem Gletscher ragenden Felswand in über 3000 m Höhe unmittelbar neben dem hauptbegangenen Klettersteig. In diesem Schwalbennest befanden sich mehrere jungen Schwalben die ihre Hälse mit aufgerissenem Schnabel nach oben reckten und von den Alten fleißig gefüttert wurden. Ich staune auch immer wieder ehrfürchtig über die bunte Flora in einem kleinen Hochtal der Silvretta in 2600 m Höhe, das höchstens 3 Monate im Jahr schneefrei ist. Anfang August findet man dort viele kleine Blümchen, deren Namen ich nicht kenne, von denen ich mich aber jedesmal freundlich begrüßt fühle, wenn ich dort hinauf komme. Sie zittern im Wind, richten ihr Gesicht zur Sonne und behaupten sich trotz häufiger sommerlicher Nachtfröste in dieser Höhe. Dank ihrer geringen Größe schaffen sie es, in den wenigen verfügbaren schneefreien Wochen zu wachsen, zu blühen, zu reifen und ihre Samen auszustreuen, damit ihre Art erhalten bleibt. Danach wird ihr Lebensraum wieder 9 Monate lang mit Schnee zugedeckt.

Wie wirkt die Natur auf mich zurück? In welcher Weise bereichert sie mein Leben.

Die Wirkungen die von der Natur auf mich zurückgehen, sind hauptsächlich psychischer und seelischer Art. Der friedliche Anblick von Wald, Feld und Wiesen, das Gezwitscher der Vögel sowie die Gerüche von Wald, Blüten, gemähtem Gras oder frisch gepflügter Erde sind für mich immer irgendwie beglückend. Gar manches Mal, wenn ich abends vom beruflichen Tagesablauf total gestresst und voller Ärger nach Hause kam, habe ich zunächst meine Laufklamotten angezogen und eine Runde in der Natur absolviert. Ich erlebte dann sehr oft den Sonnenuntergang und die sich daran anschließende blaue Stunde. Auch die einsetzende Dämmerung verbreitet immer eine besondere Abendstimmung. Die Eindrücke der friedlichen Natur spendeten mir nach stressvollen Arbeitstagen immer seelische Beruhigung und neue Lebenskraft. Wenn ich dann nach Hause kam, ging es mir immer wieder gut. Der Stress war abgebaut. Ich bin mir sicher, dass meine berufliche Leistungsfähigkeit, durch die Rückwirkungen aus der Natur vorteilhaft beeinflusst wurde.

Die körperliche Betätigung in der sauerstoffreichen Luft hat zweifelsohne auch positive medizinische Wirkungen. Durch vermehrtes Sauerstoffauftanken wird eine angehende Erkältungskrankheit schneller überwunden. Die Bewegung in der freien Natur stärkt auch das Immunsystem. Ich kann aber hier nicht sagen, welche Krankheiten ich in den letzten Jahren bekommen hätte, wenn ich mein Leben nicht naturverbunden gestaltet hätte.

Eine weitere Rückwirkung der Natur auf mich ist das jahreszeitbewusste Leben. Ein Mensch, der wie ein Käfig-Tier ständig nur innerhalb der Gemäuer von Gebäuden oder allenfalls in den Straßen einer Großstadt verbringt, verliert den Bezug zur Jahreszeit und damit auch zum Zeitablauf seines eigenen Lebens. Eines Tages fragt er sich, wo ist meine Zeit geblieben? Im Gegensatz dazu lebt der naturverbundene Mensch intensiver und mehr zeitbewußt. Die Verbindung zur Natur vermittelt ihm mehr Leben sowohl qualitativ wie auch quantitativ.

Verpflichtung und Verantwortung für die Natur

Ich bin mir sicher, dass alle heute hier Anwesenden sich bewusst sind, dass wir gegenüber der Natur eine Verpflichtung und Verantwortung haben. Wir müssen die Natur schützen und bewahren, damit für unsere Nachkommen die natürliche Lebensgrundlage erhalten bleibt. In meinen Augen wäre es auch ein Frevel, Teile der uns anvertrauten Natur einfach so zum Spaß mutwillig zu zerstören.

Bei der Wahrnehmung unserer Verantwortung gegenüber der Natur geraten wir allerdings in ein Dilemma. Unser heutiger Wohlstand gründet sich auf viele technische Errungenschaften, deren Nebenwirkungen gegen die Natur gerichtet sind. Je mehr Industriegüter wir konsumieren umso mehr mehr Abfälle entstehen, die selbst bei ordnungsgemäßer Entsorgung die Natur belasten. Unsere Mobilität beansprucht Verkehrswege, die nur unter Verbrauch von Naturflächen erstellt werden können. Für die Sicherheit des Straßenverkehrs wird jeden Winter tonnenweise Salz gestreut, das dann neben den Straßen und Autobahnen das Erdreich vergiftet und viele der dort ehemals vorhandenen Lebewesen tötet. Auch unser stetig wachsender Energieverbrauch bedeutet eine fortschreitende Natur- und Umweltbelastung. Dieser Konflikt zwischen unserem Wohlstand und der Naturbelastung läßt sich durch kein Patentrezept lösen. Ursache dieser Problematik ist letztlich die Überbevölkerung unseres Raumes.

Umsomehr sind wir natürlich aufgefordert, Naturschädigungen zu vermeiden wo wir es können. Wenn ich in den Wäldern rings um Darmstadt, die vielen dort weggeworfenen Abfälle, von der Flasche bis zum Sperrmüll sehe, dann frage ich mich, was sind das für Menschen, die so etwas tun.

Wir alle sollten auch ständig bedenken, welche Wirkungen unsere Lebensgestaltung auf die Natur ausübt. Es gibt Freizeitgestaltungen, die mit einem übermäßigen Naturkonsum oder gar mit einer Naturzerstörung verbunden sind. Mir tut es immer in der Seele weh, wenn ich im Hochgebirge sehe, wie ursprüngliche Naturflächen hektarweise mit Planierraupen zerstört werden um daraus Skipisten oder Bahnen für Schlepplifte zu machen. Dabei geht jeweils ein Stück echter Natur unwiederbringlich dahin. Jeder Ski-Urlauber sollte sich bewußt sein, dass er mit dem Kauf der Liftkarte die Naturzerstörung finanziert. Es ist klar, für die in den letzten Jahrzehnten stark angewachsene Bevölkerung der Alpentäler ist der Tourismus heute die wichtigste - ja fast die einzige - Einkommensquelle. Ich frage mich aber immer, müssen dazu die Berge an den Menschen angepasst werden, oder wäre es nicht sinnvoller, die Menschen und deren Aktivitäten an die Berge anzupassen?

Es gibt viele kleine Beiträge, die wir für die Erhaltung der Natur leisten können. Sie bedeuten aber immer einen gewissen Verzicht auf Bequemlichkeit und Wohlstand. Hier ist jeder von uns persönlich gefordert, in seinem Bereich etwas für die Natur zu tun.

Abschluss

Ich hoffe, ich habe hier verständlich machen können, in welcher Weise ich mich mit der Natur verbunden fühle. Wahrscheinlich haben viele der hier Anwesenden mir irgendwie innerlich zugestimmt. Möglicherweise haben aber auch Einzelne meine Darlegungen als weltfremd oder überzogen empfunden. Damit kann ich aber auch leben.

Falls mein Vortrag für den einen oder anderen, der hier Anwesenden, der bislang noch keine rechte Verbindung zur Natur gefunden hat, Anregung wäre, engeren Kontakt zur Natur zu suchen, dann würde mich das freuen. Ich würde es auch begrüßen, wenn es künftig wieder öfters - so wie dies früher war - zu gemeinsamen Betätigungen unserer Gilde in der freien Natur käme. Selbstverständlich wären dann auch dazu Gäste aus anderen Verbindungen herzlich willkommen.

 

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