Archiv - Reden
Der Wahrheit verpflichtet
Rede von VOLKMAR BLUHM anläßlich des 25. Stiftungsfestes der DHG Fidelitas-Karlstein
II.1. Warum ist
das Thema dieser Rede die Wahrheit?
II.2. Was ist unter Wahrheit zu verstehen?
II.3. Wieso
lautet das Thema "Der Wahrheit verpflichtet"?
III. Wer ist aber nun zur Wahrheit
verpflichtet?
III.1. Richter
III.2. Historiker
III.3. Journalisten
III.4. Politiker
III.5. Weitere Berufsgruppen
I. Einleitung
Am Buß- und Bettag wird in unseren protestantischen Kirchen häufig ein Lied gesungen, das so beginnt:
Wach auf, wach auf, du deutsches Land, du hast genug geschlafen.
Vers 5 lautet:
Die Wahrheit wird jetzt unterdrückt, will niemand Wahrheit hören?
Die Lüge wird gar fein geschmückt, man hilft ihr oft mit Schwören.
Dadurch wird Gottes Wort veracht‘, die Wahrheit höhnisch auch verlacht,
die Lüge tut man ehren.
Was der Torgauer Stadtkantor Johann Walter 1561 geschrieben hat, ist eine herbe Kritik an seinen Zeitgenossen.
Würde er auch heute, fast 450 Jahr später zu einem ähnlichen Urteil gelangen?
Als vorläufige Antwort mag gelten, was Karl Jaspers, der Hauptvertreter
der Existenzphilosophie, in seinem Buch „Wohin treibt die
Bundesrepublik?“ 1966 geschrieben hat:
„Die Unwahrhaftigkeit aufzuhellen, ist Voraussetzung jeder gedeihlichen Entwicklung.
Jetzt geht ein Zug von Verlogenheit durch unser politisches und damit persönliches Leben.
Die Lügen in ihrem Grund sind das Gift der Staaten.
Bei uns aber gehen die Lügen viel tiefer,
begegnen uns sozusagen auf Schritt und Tritt.
Der Zustand der Bundesrepublik heute liegt zum Teil an der Auslese der politisch führenden Persönlichkeiten.
Es sind wahrscheinlich nicht die besten.“
Ist diese Einschätzung auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch gültig?
Zunächst sollen drei Vor-Fragen beantwortet werden:
1. Warum ist Thema dieser Rede die Wahrheit?
2. Was ist unter Wahrheit zu verstehen?
3. Wieso lautet das Thema „Der Wahrheit verpflichtet“?
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II.1. Warum ist das Thema dieser Rede die Wahrheit?
Was spricht dafür, diesen Begriff näher zu untersuchen auf einer
Veranstaltung, bei der das 25jährige Bestehen unserer Gilde feierlich
begangen werden soll?
Ich will mit zwei Zitaten antworten.
Unser bedeutender Bundesbruder Wolfgang Egerter, der am 8. September
diesen Jahres verstorben ist und dessen wir auch in dieser Stunde
voller Hochachtung gedenken wollen, hat seine Rede vom 19. Juni 1988 im
Frankfurter Römer aus Anlass der Neugründung der Deutschen Gildenschaft
vor 30 Jahren mit den Worten von Karl Thums beendet.
Dieser hatte 1963 bei der 40-Jahr-Feier der gesamtdeutschen
Gildenschaft in Nürnberg all die Werte aufgeführt, „für die es sich in
unserer Zeit zu kämpfen lohnte und auch in Zukunft lohnen wird“,
nämlich „Volk, Heimat und Vaterland, Ehre und Freiheit, die Gestaltung
des Lebens aus innerer Wahrhaftigkeit, die Freundschaft im Lebensbund
der Gilde und die Brüderlichkeit im großen Gesamtbund“.
Ich bin mir sicher, dass auch die heutige Generation der deutschen
Gildenschafter dem uneingeschränkt beipflichten wird und damit auch dem
Ideal, auf das es mir heute besonders ankommt, nämlich der ‚Gestaltung
des Lebens aus innerer Wahrhaftigkeit‘.
„Das gemeinsame Band, das wir tragen, soll auch unser gemeinsames Wollen zum Ausdruck bringen:
- Blau ist die Farbe der Treue, sie symbolisiert die Treue zu unserem Bund.
- Weiß ist die Farbe der Ehre und Reinheit, sie erinnert uns, dass wir gefordert sind, die Wahrheit zu suchen.
- Grün ist die Farbe der Natur, sie soll uns bewusst machen, dass wir
unsere Umwelt, die uns Heimat ist, zu erhalten verpflichtet sind.“
Halten wir fest: Das Bemühen um Wahrheit gehört unverzichtbar zum Leben jeder Hochschulgilde und ihrer Mitglieder.
Es wird zu zeigen sein, dass Wahrheit für unsere gesamte Gesellschaft
ein zentraler Begriff ist, was leider immer wieder missachtet wird. Die
schlimmen Folgen bekommen wir gerade in diesen Tagen schmerzlich zu
spüren.
II.2. Was ist unter Wahrheit zu verstehen?
Um es gleich unumwunden zu sagen: die Frage läßt sich nicht exakt
beantworten. Die Fülle der vorliegenden Definitionen hilft ebenso wenig
weiter wie die kaum noch zu überblickende Literatur.
Es heißt, „die Wahrheit liegt in der Mitte“ oder
„die Wahrheit wird schon an den Tag kommen“.
Immer wieder greifen wir zu der Bemerkung: „Das ist unglaublich, aber wahr“, für Dostojewski Anlaß zu dem Ausspruch
„Die unverfälschte Wahrheit ist immer unwahrscheinlich.
Um die Wahrheit wahrscheinlicher zu machen, muß man ihr unbedingt etwas Lüge beimischen“.
In der Bibel, in der 58mal der Begriff „Wahrheit“ vorkommt, wird im 38.
Kapitel des Johannes-Evangeliums das Verhör von Jesus durch Pilatus
geschildert. Es heißt dort (Verse 37, 38):
Jesus antwortete: … Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, daß ich für die Wahrheit zeugen soll. Wer aus
der Wahrheit ist, der hört meine Stimme.
Da spricht Pilatus zu ihm: Was ist Wahrheit?.
Eine Antwort ist nicht überliefert.
Bis heute hat die berühmte Pilatus-Frage nichts an Aktualität verloren.
Doch spaltet sich ‚Wahrheit‘ zunehmend in ‚Wahrheiten‘ auf, die noch
dazu immer kürzeren Bestand haben, nicht nur auf dem Gebiet der
Naturwissenschaften.
Daß Wahrheit ein im Grunde definitionsresistenter Begriff ist, deuten
schon die zahlreichen Kombinationsmöglichkeiten mit den verschiedensten
Adjektiven an. Da gibt es die ewige und bleibende Wahrheit, die ganze
oder halbe, die totale oder harte, die subjektive, die unausgesprochene
oder ungeschminkte, die bittere, die traurige und noch viele andere
Wahrheiten.
In der Sitzung der CDU/CSU-Bundestagsfraktion vom 8. Dezember 1959 hat
der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer unter Verwendung eines
Zitates des Bankiers und CDU-Mitbegründers Robert Pferdmenges
ausgeführt:
„Mein Freund Pferdmenges hat drei verschiedene Bezeichnungen der Wahrheit. Er sagt: Das ist
die Wahrheit, das ist die reine Wahrheit, und wenn es ganz hoch geht, sagt er: das ist die lautere Wahrheit.
Ich verspreche Ihnen, meine lieben Parteifreunde, die reine Wahrheit zu sagen. Ich entnehme Ihren Mienen, daß Sie
damit ganz zufrieden sind“.
Einigen wir uns für den Rest dieser ‚Stunde der Wahrheit‘ darauf, dass
anerkannt werden kann, was in allen Lexika definiert ist, nämlich dass
1.
die Wahrheit die Übereinstimmung der Erkenntnis mit einem Erkenntnisgegenstand ist, und
2.
die Wahrheit einen Gegenstand als seinem Wesensbegriff entsprechend kennzeichnet.
Unter Wahrhaftigkeit ist die subjektive Verpflichtung zur Wahrheit zu
verstehen. Über den Zusammenhang beider Begriffe hat Immanuel Kant
gesagt:
„Es kann sein, daß nicht alles wahr ist, was ein Mensch dafür hält (denn er kann irren); aber in allem, was er sagt, muß
er wahrhaftig sein.“
II.3. Wieso lautet das Thema "Der Wahrheit verpflichtet"?
Im Juni 2004 wurde in Fulda das Bonifatiusfest gefeiert zur
Erinnerung an den 1250 Jahre zurückliegenden Märtyrertod des
bedeutenden Missionars. Das Fest war überschrieben mit „Der Wahrheit
verpflichtet“. Der Fuldaer Bischof Heinz-Josef Algermissen hat dazu
angemerkt, der Titel stamme von Karl dem Großen. Von ihm habe die
Reichsabtei Fulda den Auftrag erhalten, der Wahrheit in besonderer
Weise zu dienen, was die Bischöfe von Fulda seit jeher besonders auf
sich bezogen hätten. Bischof Algermissen hat dazu ausgeführt:
„Wahrheit hat entscheidend etwas mit Eindeutigkeit zu tun. Wie damals müssen wir auch heute, in einer Welt, in der
manche faule Kompromisse geschlossen werden und es viele Lügen gibt, für die vom Evangelium geprägte
Wahrheit eintreten.“
III. Wer aber ist nun zur Wahrheit verpflichtet?
Selbstverständlich wir alle. Für die Christen ergibt sich das
unmittelbar aus der Bibel. Im Epheser-Brief des Apostels Paulus heißt
es im 4. Kapitel (Verse 23-25):
Legt das Lügen ab und sagt
zueinander die Wahrheit; denn wir alle sind Glieder am Leib von
Christus. Die Katholische Kirche hat in ihrem Katechismus den Gläubigen
detailliert konkrete Hinweise gegeben, wie mit der Wahrheit umzugehen
ist und wie Verstöße gegen die Wahrheit zu bewerten sind.
Dabei geht die Kirche davon aus, dass „die Sehnsucht nach der Wahrheit
so tief im Herzen der Menschen wurzelt, daß das Abstandnehmen davon die
Existenz gefährden würde“ (§ 29 der Enzyklika „fides et ratio“).
Die Realität im privaten wie im beruflichen Alltagsleben sieht anders aus.
„Der Beste muss zuweilen lügen. Mitunter tut er´s mit Vergnügen“, heißt es bei Wilhelm Busch.
Psychologen zufolge soll der Durchschnittsbürger bis zu 50mal am Tag
lügen.
Gründe dafür gibt es viele. Da traut man sich nicht, einem anderen eine
unangenehme Wahrheit zu sagen, oder man will einem Konflikt aus dem Weg
gehen. Beschönigend redet man sich oft ein, man habe ja nur eine
‚Notlüge‘ gebraucht.
In eng abgrenzbaren Fällen kann es aus medizinischer Sicht sinnvoll
sein, einen Patienten über die Schwere seiner Krankheit nicht in vollem
Umfang zu unterrichten. Ob dies aus ethischen Gründen vertretbar ist,
müssen in der Regel die nächsten Angehörigen entscheiden, die im Falle
der Genesung diese ‚Unwahrheit‘ rechtfertigen müssen.
Im Umgang mit anderen Menschen nicht Notlügen zu gebrauchen, sondern
bei der Wahrheit zu bleiben, ist in vielen Fällen schwerer. Gar nicht
so selten zeigt sich der andere aber dankbar dafür, daß man ihm mit
Ehrlichkeit begegnet ist.
Bei Korporationen wird man nach meiner Überzeugung von einem
überdurchschnittlichen Grad an Wahrhaftigkeit ausgehen können. Einem
Bundesbruder (oder einer Bundesschwester) nimmt man eine unangenehme
Mitteilung oder Anmerkung eher ab, weil man erwarten darf, dass eine
positive Absicht zugrunde liegt.
Es heißt: „Dein Freund ist, wer Dir die Wahrheit sagt.“
Zahlreiche Menschen haben von Berufs wegen mit der Wahrheit zu tun. Der
belgische Schriftsteller Georges Simenon (1903-1989) drückt es so aus:
„Sehr viele Menschen leben davon, daß die Wahrheit auf Erden so schwer zu finden ist: Die Detektive, Rechtsanwälte,
Richter, Schriftsteller, Wissenschaftler, Philosophen, Geistliche und viele andere“.
Mit vier dieser Berufsgruppen wollen wir uns im Folgenden etwas näher
befassen: Den Richtern, den Historikern, den Journalisten und den
Politikern.
III.1. Richter
Für Richter ergibt sich die Verpflichtung zur Wahrheit unmittelbar
aus dem Gesetz. Zu Beginn ihrer Amtszeit haben sie in öffentlicher
Sitzung einen Eid zu leisten und dabei auch zu schwören, „nur der
Wahrheit und Gerechtigkeit zu dienen“ (§ 38 Richtergesetz). Das gilt
genau so auch für ehrenamtliche Richter, also etwa für Schöffen.
Bei Ausübung ihres Amtes werden Richter häufig mit dem Begriff
‚Wahrheit‘ konfrontiert. So müssen Strafrichter Zeugen vor der
Vernehmung nach der Strafprozessordnung ‚zur Wahrheit ermahnen‘ (§ 57
StPO). Bei der Vereidigung von Zeugen müssen sie diesen die Eidesformel
(§ 66 c StPO) vorsprechen, nach der die Zeugen unter anderem schwören,
‚dass sie nach bestem Wissen die reine Wahrheit gesagt und nichts
verschwiegen haben‘.
Natürlich ist es Aufgabe der Richter, die Wahrheit aufzuklären, also
den Sachverhalt festzustellen, der dann der richterlichen Beurteilung
unterliegt.
Nicht immer gelingt das, was jedoch nicht an ihnen selbst liegen muss,
sondern auf Fehlerquellen bei den zur Verfügung stehenden Beweismitteln
zurückzuführen ist, insbesondere bei Zeugen. Bestehen Zweifel an der
Richtigkeit der Zeugenaussage, ist die Aufklärung der Wahrheit nicht
möglich, was im Strafprozess zum Freispruch des Angeklagten führt. Im
Zivilprozeß gelten andere Grundsätze, weil es hier entscheidend auf die
Beweislast ankommt.
Zu Fehlern können auch schlechte Gesetze führen.
Dem Deutschen Bundestag als unserem Gesetzgeber wird immer wieder
vorgeworfen, schlampige Gesetze verabschiedet zu haben. So hat etwa das
Mietrechtsreformgesetz von 2001 dazu geführt, dass der
Bundesgerichtshof verstärkt mit Mietrechtsverfahren befasst war und
sich dabei quasi als Reparaturbetrieb des Gesetzgebers betätigen
musste. Der Wahrheitsfindung kann das natürlich nicht in demselben Maße
dienlich sein, wie das bei ordentlichen Gesetzen der Fall wäre.
Es sei noch erwähnt, dass man kaum erfahren wird, welche richterlichen
Erwägungen der Wahrheitsfindung zugrunde gelegen haben, weil die
Beratungen geheim sind.
Kenner des Strafprozesses wissen aber, daß es drei Urteilsgründe gibt:
- Die mündlichen (die im Gerichtssaal vorgetragen werden),
- Die schriftlichen (mit denen das Urteil ‚revisionssicher‘ gemacht wird), und
- Die wahren (bei denen z.B. die Verärgerung über den Angeklagten oder
seinen Verteidiger eine Rolle gespielt haben könnten).
III.2. Historiker
Historiker sollen nach Leopold von Ranke die Geschichte so
nachzeichnen, wie sie „eigentlich gewesen“ ist. Dabei müssen sie
Genauigkeit in den Dienst der Wahrheit stellen. Manchen Historikern ist
aber ihre persönliche Sicht bzw. Interpretation wichtiger.
Drei Beispiele aus dem letzten Weltkrieg seien in diesem Zusammenhang erwähnt:
1.
Zu dem Buch „Fälschung, Dichtung und Wahrheit über Hitler und Stalin“
des bedeutenden Historikers Werner Maser hat sich der ehemalige
US-Oberst und Kommandant (später Direktor) des Spandauer
Kriegsverbrechergefängnisses Eugene Bird mit deutlicher Kritik an
anderen Historikern so geäußert:
„Das neue Buch von Maser, dessen Hitler-Biographie weltberühmt wurde, legt bislang auch der Fachwelt unbekannte
Quellen frei und rechnet mit namhaften deutschen und ausländischen Geschichtsfälschern ab.“
2.
Eine offensichtliche Geschichtsfälschung war die Ausstellung
„Vernichtungskrieg – Verbrechen der Wehrmacht 1941-45“. Hier wurde
vorsätzlich in der Absicht gehandelt, alle Soldaten der Wehrmacht,
deren Tapferkeit selbst von hochrangigen ausländischen Politikern und
Militärs gewürdigt worden ist, als Angehörige einer verbrecherischen
Organisation hinzustellen, was nicht einmal seitens des Nürnberger
Kriegsverbrechertribunals geschehen ist.
Wir
haben allen Anlaß, dem jungen polnischen Historiker Bogdan Musial zu danken, daß
er aufgrund sorgfältiger Recherchen nachweisen konnte (worüber er auch in
Darmstadt referiert hat), daß mit verschiedenen Fälschungen gearbeitet worden
ist. Das hat dazu geführt, daß die Ausstellung aufgrund der nachgewiesenen
Manipulationen von Fotos zeitweise zurückgezogen werdenmußte.
3.
Zur völkerrechtswidrigen und sinnlosen Zerstörung von Dresden am 13.
Februar 1945 durch alliierte Bomberverbände (selbst in deren
Herkunftsländern später als ‚overbombed‘ bezeichnet), sei der ehemalige
Erste Bürgermeister von Hamburg, Klaus von Dohnanyi, zitiert, der in
seiner Rede vom 13. Februar 2005 (dem 60. Jahrestag) in Dresden gesagt
hat:
„Etwas mehr Selbstbewußtsein täte uns gut; deutsche Geschichte besteht nicht nur aus Nazis. Man muß sagen dürfen,
daß die Zerstörung von Dresden ein Verbrechen war. Wir dürfen aus Angst vor Beifall von der falschen Seite die
Wahrheit nicht verschweigen".
III.3. Journalisten
Die Medien und insbesondere die Presse haben aufgrund der
Pressefreiheit eine starke Stellung, mit der allerdings auch Pflichten
einher gehen. So dürfen nach der Rechtsprechung des
Bundesverfassungsgerichts weder leichtfertig unwahre Nachrichten
weitergegeben werden, noch darf die Wahrheit bewußt unterstellt werden.
Dagegen wird immer wieder verstoßen. Das hat auch der 1956 als
Selbstkontrollorgan der deutschen Presse gegründete Deutsche Presserat
nicht verhindern können. Er soll die Tätigkeit der Presse in
moralisch-ethischer Hinsicht überwachen und den Grundsätzen eines
sauberen und fairen Journalismus Geltung verschaffen.
Eines seiner Mitglieder, der Wirtschaftsredakteur Georg Heller, hat 1997 ein Buch veröffentlicht mit dem entlarvenden Titel:
"Lügen wie gedruckt. Über den ganz alltäglichen Journalismus."
Darin gelangt er aufgrund der aufgeführten Verstöße gegen die innere
Pressefreiheit zu dem Ergebnis, daß diese zu pervertieren beginne.
Wörtlich:
"Sie beginnt sich gegen den Menschen zu richten. Die Medien werden durchkommerzialisiert … Kultur wird vernichtet,
der Mensch zerstört, wenn die Gewinn- und Verlustrechnung an die Stelle der Verfassung tritt."
"Das widerfährt uns nicht nur in den Medien“, so lautet das düstere,
leider zutreffende Schlußwort von Heller.
Im Medienbereich gibt es nicht immer eine wahrheitsgemäße
Berichterstattung, weil der härter gewordene Wettbewerb dazu geführt
hat, daß im Interesse von Auflagen und Einschaltquoten Fakten
verändert, aufgebauscht oder verharmlost werden. Ähnlich äußert sich
auch Udo Ulfkotte in seinem Buch „So lügen Journalisten“. Darin
schildert er konkret, zu welchen Methoden verantwortungslose
Journalisten inzwischen übergegangen sind.
Als Beispiele seien angeführt:
- Die angeblichen Hitler-Tagebücher, vor genau 25 Jahren im „Stern“ abgedruckt, obwohl es sich um plumpe
Fälschungen handelte;
- Die unglaubliche Berichterstattung über den Badetod eines kleinen Jungen (Joseph A.) im Jahre 1997 in der
ostsächsischen Stadt Sebnitz, von verschiedenen Zeitungen und Sendern als Opfer eines rassistisch motivierten
Mordes hingestellt;
- Der Fall des als Filmfälscher bekannt gewordenen TV-Journalisten Michael Born, später vom Landgericht
Koblenz zu 4 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, der zahlreiche frei erfundene Reportagen produziert hat, die von
Fernsehsendern unter Verletzung ihrer Sorgfaltspflicht strenger Nachrecherche gezeigt wurden. Eines dieser
Machwerke war ein Film über angebliche Aktivitäten des Ku-Klux-Klans in Deutschland, wozu Born eine
Laienspielschar in weiße Kutten und Kapuzen gesteckt hatte, diese den Hitler-Gruß zeigen und ein Kreuz
verbrennen ließ.
- Besonders eindrucksvolles Anschauungsmaterial für Täuschungen und
Fälschungen durch Fotos oder bewegte Bilder hat die Stiftung ‚Haus der
Geschichte‘ der Bundesrepublik Deutschland in Bonn in der
Wanderausstellung „Bilder, die lügen“ zusammengestellt. Darin kommt
deutlich zum Ausdruck, welche Möglichkeiten heute bestehen, Bilder
insbesondere durch digitale Bearbeitung zu manipulieren.
III.4. Politiker
Wie halten es Politiker mit ihrer Verpflichtung zur Wahrheit?
In
dem eingangs zitierten Lied heißt es: „Will niemand Wahrheit hören?“.
Das könnte heute anders sein. Schon im Oktober 2004 hat der
Bundespräsident in Berlin die Politiker ausdrücklich aufgefordert, den
Bürgern ein ungeschminktes Bild der wirtschaftlichen und
gesellschaftlichen Lage zu zeichnen.
" Die Deutschen wollen die Wahrheit wissen."
Ich
glaube, dass jetzt schonungslose Offenheit gefragt und in Anbetracht
der gesamtpolitischen Situation zwingend erforderlich ist. Ein Vorgehen
wie in den parlamentarischen Untersuchungsausschüssen, wo man erst nach
der Wahrheit und dann nach den Gründen sucht, warum man sie nicht
gefunden hat, ist den Bürgern nicht länger zumutbar.
Es darf nicht länger sein, daß der Präsident des Deutschen
Lehrerverbandes Josef Kraus in seinem Buch „Der Pisa-Schwindel“
zutreffend schreiben konnte:
" In der deutschen Schulpolitik geht sei eh und je die Angst vor der Wahrheit um."
Eine solche Angst können wir uns auf keinem Gebiet der Politik mehr
leisten.
Den berühmten reinen Wein können Politiker den Wählern nur dann
einschenken, wenn sie sich zu etwas durchringen, was ihnen häufig
fehlt: Mut zur Wahrhaftigkeit. Das bedeutet, nicht das zu tun, was
vermeintlich viele Stimmen bringt, sondern das, was nötig ist, um unser
Staatswesen wieder auf einen zukunftsfähigen Kurs zurückzuführen. Daß
das mit Opfern verbunden sein wird, und zwar mit Opfern für alle, ist
inzwischen eine Wahrheit, die nur von Phantasten oder Volksverdummern
geleugnet wird.
In einer Zeit größer werdender sozialer Unterschiede fallen wieder mehr
Menschen auf populistische Parolen herein. Politiker, die aus der
Notsituation der Bürger ohne inhaltlich-politische Substanz Profit
schlagen wollen, finden sich leider sehr schnell.
Dass auch gefestigte Charaktere bisweilen nicht vor der Kraft
demagogischer Verlockungen gefeit sind, erkannte schon eine
Volksweisheit, die in dem Kommersbuchlied „Wer jetzig zeitig leben
will“ in Vers 2 mit Blick auf unsere aktuelle Finanzmarktsituation
geradezu prophetisch so ausgedrückt ist:
Geld nur regiert die Welt,
dazu verhilft betrügen;
wer sich sonst noch redlich hält,
muss doch bald unterliegen.
In Hessen beginnt gerade der letzte Akt des Dramas „Die wahrhaftige
Politikerin“ und der schon begonnene Bundestagswahlkampf wird die
Politiker auch nicht in einem „Licht der Wahrheit“ erscheinen lassen.
Bleibt zu hoffen, dass sich immer mehr Politiker die Werteordnung von
Francis Lieber (1798-1872), dem Begründer der Politikwissenschaften in
den USA zu Eigen machen, die er bei einer Gedenkfeier zur Schlacht von
Waterloo propagierte:
Patria cara - carior libertas - veritas carissima!
Teuer das Vaterland - teurer die Freiheit - am teuersten die Wahrheit!
III.5. Weitere Berufsgruppen
Nicht unerwähnt bleiben sollen auch noch zwei Berufsgruppen, die
bezüglich ‚Wahrheit‘ zurzeit in den Schlagzeilen sind: Sportler und
Banker.
Auf der Rückseite der Olympia-Medaillen ist seit den Spielen von Athen
der Anfang einer antiken Ode von Pindar aus dem Jahr 460 vor Christus
eingraviert. Die Übersetzung des altgriechischen Textes lautet:
„Du Mutter der Athleten, die den Goldzweig tragen - Olympia - Du Hohe Frau der Wahrheit“.
Die Unverfrorenheit, mit der einige dopende Sportler dieses Ideal mit
Füßen treten, ist umso erschreckender, wenn man ihre Vorbildfunktion
für viele Jugendliche berücksichtigt.
Ideale scheinen vielen Bankern vollständig abhanden gekommen zu sein,
sofern man Renditestreben nicht als Ideal ansieht. Die Tugenden eines
ordentlichen Geschäftsmannes, wie sie in früheren Zeiten hochgehalten
wurden, sucht man heute oft vergeblich. Dabei verwundert insbesondere
die Unwahrhaftigkeit gegenüber der Unvollkommenheit der eigenen Person.
So möchte man den Bankern die Lebensansicht der Schriftstellerin Sophie
Bernhardi (1775-1833) mit in die Zukunft geben:
„Die höchste, ja ich möchte sagen die einzige Tugend, die der Mensch besitzen kann, ist die Wahrheit
gegen sich und andere.“
IV. Fazit und Ausblick
Kommen wir abschließend zurück auf die eingangs gestellte Frage:
Bedauernd muss festgestellt werden: Es hat sich nichts geändert an der
Richtigkeit der Thesen von Johann Walter (die Wahrheit werde
unterdrückt) und von Karl Jaspers (es gehe ein Zug von Verlogenheit
durch unser politisches Leben, auch seien die politisch führenden
Persönlichkeiten wahrscheinlich nicht die besten).
Eher ist in der Zwischenzeit eine Verschlimmerung eingetreten, zumal es
die rasant gestiegenen technischen Möglichkeiten oft erleichtern,
wahrheitsverletzend zu handeln.
Der heutige Papst Benedikt XVI. hat schon in den späten neunziger
Jahren geschrieben, dass „in der heutigen Welt das Thema Wahrheit fast
ganz verschwunden ist“, weil sie „als für den Menschen zu groß
erscheint“.
Sollen wir deshalb resignieren?
Ich denke, dass dazu keinerlei Anlaß besteht, weil sich noch immer
bedeutende Persönlichkeiten dafür einsetzen, der Wahrheit zur Geltung
zu verhelfen und die Lüge zu bekämpfen. Ich will erinnern
- an Papst Benedikt XVI., der als seinen bischöflichen Wahlspruch das
Wort aus dem dritten Johannesbrief gewählt hat - „Mitarbeiter der
Wahrheit“ - , was ihm deswegen „auch zeitgemäß im guten Sinn zu sein
schien“, weil „doch alles verfällt, wenn es keine Wahrheit gibt“;
- an Roman Herzog, der getreu seinem Lebensmotto „Wahrheit und
Klarheit“ als Inhaber höchster Staatsämter (zuletzt als Bundespräsident
von 1994 bis 1999) bleibende Akzente gesetzt hat;
- an den am 3. August verstorbenen Literaturnobelpreisträger Alexander
Solschenizyn, von dem die FAZ in ihrem Nachruf geschrieben hat:
„Lebe nicht mit der Lüge! Das war die Devise eines Schriftstellers, der
die Wahrheit über die Schrecken des Jahrhunderts gesagt hat“.
Für uns als Deutsche Hochschulgilde bedeutet das, weiterhin die
erwähnte Forderung (die das ‚Weiß‘ in unserem Band symbolisiert) zu
erfüllen, nämlich die Wahrheit zu suchen, und zwar unter ständiger
Beachtung eines Leitsatzes der bedeutenden jüdischen Physikerin Lise
Meitner, die gesagt hat:
„Das ist in meinen Augen gerade der große moralische Wert der naturwissenschaftlichen Ausbildung, daß
wir lernen müssen, Ehrfurcht vor der Wahrheit zu haben, gleichgültig, ob sie mit unseren Wünschen oder
vorgefaßten Meinungen übereinstimmt oder nicht.“
Schließen möchte ich mit einem vierfachen Appell an uns alle, besonders aber an unsere Junggilde:
- Wir wollen uns auch dann nicht entmutigen lassen, wenn sich herausstellen sollte, dass nicht alles wahr ist,
was wir dafür halten (weil wir irren können).
- Wir wollen in Übereinstimmung mit Immanuel Kant in allem, was wir sagen, wahrhaftig sein und dabei
bedenken, dass dazu Mut gehört, besonders wenn die Wahrheit mißfällt oder wenn sie nicht der ‚political
correctness‘ entspricht.
- Wir wollen nicht vergessen, daß auch ehrenhaftes Handeln Wahrhaftigkeit zwingend voraussetzt.
- Wir wollen bedenken, dass man die Zukunft nur meistern kann, wenn man den Fragen und Problemen
der Gegenwart mit dem ernsthaften Bemühen um Wahrheit begegnet.
Ich bin sicher, daß diese Haltung unser künftiges Reden und Handeln
bestimmen und uns damit auf der Suche nach Wahrheit nach vorne bringen
wird. Von daher kann ich aus innerer Überzeugung sagen:
Mir ist um unsere Zukunft wahrlich nicht bange.
Ein ewiges: Vivat, crescat, floreat Fidelitas-Karlstein!