DHG Fidelitas-Karlstein

Archiv - Reden

 

Der Wahrheit verpflichtet

Rede von VOLKMAR BLUHM anläßlich des 25. Stiftungsfestes der DHG Fidelitas-Karlstein 
 

I. Einleitung

II.1. Warum ist das Thema dieser Rede die Wahrheit?
II.2. Was ist unter Wahrheit zu verstehen?
II.3. Wieso lautet das Thema "Der Wahrheit verpflichtet"?

III. Wer ist aber nun zur Wahrheit verpflichtet?
    III.1. Richter
    III.2. Historiker
    III.3. Journalisten
    III.4. Politiker
    III.5. Weitere Berufsgruppen

IV. Fazit und Ausblick

I. Einleitung

 

Am Buß- und Bettag wird in unseren protestantischen Kirchen häufig ein Lied gesungen, das so beginnt:
Wach auf, wach auf, du deutsches Land, du hast genug geschlafen.
Vers 5 lautet:

Die Wahrheit wird jetzt unterdrückt, will niemand Wahrheit hören?
Die Lüge wird gar fein geschmückt, man hilft ihr oft mit Schwören.
Dadurch wird Gottes Wort veracht‘, die Wahrheit höhnisch auch verlacht,
die Lüge tut man ehren.

Was der Torgauer Stadtkantor Johann Walter 1561 geschrieben hat, ist eine herbe Kritik an seinen Zeitgenossen. Würde er auch heute, fast 450 Jahr später zu einem ähnlichen Urteil gelangen?
Als vorläufige Antwort mag gelten, was Karl Jaspers, der Hauptvertreter der Existenzphilosophie, in seinem Buch „Wohin treibt die Bundesrepublik?“ 1966 geschrieben hat:

„Die Unwahrhaftigkeit aufzuhellen, ist Voraussetzung jeder gedeihlichen Entwicklung. Jetzt geht ein Zug von Verlogenheit durch unser politisches und damit persönliches Leben. Die Lügen in ihrem Grund sind das Gift der Staaten. Bei uns aber gehen die Lügen viel tiefer, begegnen uns sozusagen auf Schritt und Tritt. Der Zustand der Bundesrepublik heute liegt zum Teil an der Auslese der politisch führenden Persönlichkeiten. Es sind wahrscheinlich nicht die besten.“

Ist diese Einschätzung auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch gültig?
Zunächst sollen drei Vor-Fragen beantwortet werden:

1. Warum ist Thema dieser Rede die Wahrheit?
2. Was ist unter Wahrheit zu verstehen?
3. Wieso lautet das Thema „Der Wahrheit verpflichtet“?
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II.1. Warum ist das Thema dieser Rede die Wahrheit?

 

Was spricht dafür, diesen Begriff näher zu untersuchen auf einer Veranstaltung, bei der das 25jährige Bestehen unserer Gilde feierlich begangen werden soll?
Ich will mit zwei Zitaten antworten.
Unser bedeutender Bundesbruder Wolfgang Egerter, der am 8. September diesen Jahres verstorben ist und dessen wir auch in dieser Stunde voller Hochachtung gedenken wollen, hat seine Rede vom 19. Juni 1988 im Frankfurter Römer aus Anlass der Neugründung der Deutschen Gildenschaft vor 30 Jahren mit den Worten von Karl Thums beendet.
Dieser hatte 1963 bei der 40-Jahr-Feier der gesamtdeutschen Gildenschaft in Nürnberg all die Werte aufgeführt, „für die es sich in unserer Zeit zu kämpfen lohnte und auch in Zukunft lohnen wird“, nämlich „Volk, Heimat und Vaterland, Ehre und Freiheit, die Gestaltung des Lebens aus innerer Wahrhaftigkeit, die Freundschaft im Lebensbund der Gilde und die Brüderlichkeit im großen Gesamtbund“.
Ich bin mir sicher, dass auch die heutige Generation der deutschen Gildenschafter dem uneingeschränkt beipflichten wird und damit auch dem Ideal, auf das es mir heute besonders ankommt, nämlich der ‚Gestaltung des Lebens aus innerer Wahrhaftigkeit‘.

„Das gemeinsame Band, das wir tragen, soll auch unser gemeinsames Wollen zum Ausdruck bringen:
- Blau ist die Farbe der Treue, sie symbolisiert die Treue zu unserem Bund.
- Weiß ist die Farbe der Ehre und Reinheit, sie erinnert uns, dass wir gefordert sind, die Wahrheit zu suchen.
- Grün ist die Farbe der Natur, sie soll uns bewusst machen, dass wir unsere Umwelt, die uns Heimat ist, zu erhalten verpflichtet sind.“

Halten wir fest: Das Bemühen um Wahrheit gehört unverzichtbar zum Leben jeder Hochschulgilde und ihrer Mitglieder.
Es wird zu zeigen sein, dass Wahrheit für unsere gesamte Gesellschaft ein zentraler Begriff ist, was leider immer wieder missachtet wird. Die schlimmen Folgen bekommen wir gerade in diesen Tagen schmerzlich zu spüren.

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II.2. Was ist unter Wahrheit zu verstehen?

 

Um es gleich unumwunden zu sagen: die Frage läßt sich nicht exakt beantworten. Die Fülle der vorliegenden Definitionen hilft ebenso wenig weiter wie die kaum noch zu überblickende Literatur.
Es heißt, „die Wahrheit liegt in der Mitte“ oder „die Wahrheit wird schon an den Tag kommen“. Immer wieder greifen wir zu der Bemerkung: „Das ist unglaublich, aber wahr“, für Dostojewski Anlaß zu dem Ausspruch

„Die unverfälschte Wahrheit ist immer unwahrscheinlich.
Um die Wahrheit wahrscheinlicher zu machen, muß man ihr unbedingt etwas Lüge beimischen“.

In der Bibel, in der 58mal der Begriff „Wahrheit“ vorkommt, wird im 38. Kapitel des Johannes-Evangeliums das Verhör von Jesus durch Pilatus geschildert. Es heißt dort (Verse 37, 38):

Jesus antwortete: … Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, daß ich für die Wahrheit zeugen soll. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme.
Da spricht Pilatus zu ihm: Was ist Wahrheit?.

Eine Antwort ist nicht überliefert.
Bis heute hat die berühmte Pilatus-Frage nichts an Aktualität verloren. Doch spaltet sich ‚Wahrheit‘ zunehmend in ‚Wahrheiten‘ auf, die noch dazu immer kürzeren Bestand haben, nicht nur auf dem Gebiet der Naturwissenschaften.
Daß Wahrheit ein im Grunde definitionsresistenter Begriff ist, deuten schon die zahlreichen Kombinationsmöglichkeiten mit den verschiedensten Adjektiven an. Da gibt es die ewige und bleibende Wahrheit, die ganze oder halbe, die totale oder harte, die subjektive, die unausgesprochene oder ungeschminkte, die bittere, die traurige und noch viele andere Wahrheiten.
In der Sitzung der CDU/CSU-Bundestagsfraktion vom 8. Dezember 1959 hat der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer unter Verwendung eines Zitates des Bankiers und CDU-Mitbegründers Robert Pferdmenges ausgeführt:

„Mein Freund Pferdmenges hat drei verschiedene Bezeichnungen der Wahrheit. Er sagt: Das ist die Wahrheit, das ist die reine Wahrheit, und wenn es ganz hoch geht, sagt er: das ist die lautere Wahrheit.
Ich verspreche Ihnen, meine lieben Parteifreunde, die reine Wahrheit zu sagen. Ich entnehme Ihren Mienen, daß Sie damit ganz zufrieden sind“.

Einigen wir uns für den Rest dieser ‚Stunde der Wahrheit‘ darauf, dass anerkannt werden kann, was in allen Lexika definiert ist, nämlich dass

1. die Wahrheit die Übereinstimmung der Erkenntnis mit einem Erkenntnisgegenstand ist, und
2. die Wahrheit einen Gegenstand als seinem Wesensbegriff entsprechend kennzeichnet.

Unter Wahrhaftigkeit ist die subjektive Verpflichtung zur Wahrheit zu verstehen. Über den Zusammenhang beider Begriffe hat Immanuel Kant gesagt:

„Es kann sein, daß nicht alles wahr ist, was ein Mensch dafür hält (denn er kann irren); aber in allem, was er sagt, muß er wahrhaftig sein.“

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II.3. Wieso lautet das Thema "Der Wahrheit verpflichtet"?

 

Im Juni 2004 wurde in Fulda das Bonifatiusfest gefeiert zur Erinnerung an den 1250 Jahre zurückliegenden Märtyrertod des bedeutenden Missionars. Das Fest war überschrieben mit „Der Wahrheit verpflichtet“. Der Fuldaer Bischof Heinz-Josef Algermissen hat dazu angemerkt, der Titel stamme von Karl dem Großen. Von ihm habe die Reichsabtei Fulda den Auftrag erhalten, der Wahrheit in besonderer Weise zu dienen, was die Bischöfe von Fulda seit jeher besonders auf sich bezogen hätten. Bischof Algermissen hat dazu ausgeführt:

„Wahrheit hat entscheidend etwas mit Eindeutigkeit zu tun. Wie damals müssen wir auch heute, in einer Welt, in der manche faule Kompromisse geschlossen werden und es viele Lügen gibt, für die vom Evangelium geprägte Wahrheit eintreten.“

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III. Wer aber ist nun zur Wahrheit verpflichtet?

 

Selbstverständlich wir alle. Für die Christen ergibt sich das unmittelbar aus der Bibel. Im Epheser-Brief des Apostels Paulus heißt es im 4. Kapitel (Verse 23-25):

Legt das Lügen ab und sagt zueinander die Wahrheit; denn wir alle sind Glieder am Leib von Christus. Die Katholische Kirche hat in ihrem Katechismus den Gläubigen detailliert konkrete Hinweise gegeben, wie mit der Wahrheit umzugehen ist und wie Verstöße gegen die Wahrheit zu bewerten sind. Dabei geht die Kirche davon aus, dass „die Sehnsucht nach der Wahrheit so tief im Herzen der Menschen wurzelt, daß das Abstandnehmen davon die Existenz gefährden würde“ (§ 29 der Enzyklika „fides et ratio“).

Die Realität im privaten wie im beruflichen Alltagsleben sieht anders aus.
„Der Beste muss zuweilen lügen. Mitunter tut er´s mit Vergnügen“, heißt es bei Wilhelm Busch.
Psychologen zufolge soll der Durchschnittsbürger bis zu 50mal am Tag lügen. Gründe dafür gibt es viele. Da traut man sich nicht, einem anderen eine unangenehme Wahrheit zu sagen, oder man will einem Konflikt aus dem Weg gehen. Beschönigend redet man sich oft ein, man habe ja nur eine ‚Notlüge‘ gebraucht.
In eng abgrenzbaren Fällen kann es aus medizinischer Sicht sinnvoll sein, einen Patienten über die Schwere seiner Krankheit nicht in vollem Umfang zu unterrichten. Ob dies aus ethischen Gründen vertretbar ist, müssen in der Regel die nächsten Angehörigen entscheiden, die im Falle der Genesung diese ‚Unwahrheit‘ rechtfertigen müssen.
Im Umgang mit anderen Menschen nicht Notlügen zu gebrauchen, sondern bei der Wahrheit zu bleiben, ist in vielen Fällen schwerer. Gar nicht so selten zeigt sich der andere aber dankbar dafür, daß man ihm mit Ehrlichkeit begegnet ist.
Bei Korporationen wird man nach meiner Überzeugung von einem überdurchschnittlichen Grad an Wahrhaftigkeit ausgehen können. Einem Bundesbruder (oder einer Bundesschwester) nimmt man eine unangenehme Mitteilung oder Anmerkung eher ab, weil man erwarten darf, dass eine positive Absicht zugrunde liegt.

Es heißt: „Dein Freund ist, wer Dir die Wahrheit sagt.“

Zahlreiche Menschen haben von Berufs wegen mit der Wahrheit zu tun. Der belgische Schriftsteller Georges Simenon (1903-1989) drückt es so aus:

„Sehr viele Menschen leben davon, daß die Wahrheit auf Erden so schwer zu finden ist: Die Detektive, Rechtsanwälte, Richter, Schriftsteller, Wissenschaftler, Philosophen, Geistliche und viele andere“.

Mit vier dieser Berufsgruppen wollen wir uns im Folgenden etwas näher befassen: Den Richtern, den Historikern, den Journalisten und den Politikern.

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III.1. Richter

 

Für Richter ergibt sich die Verpflichtung zur Wahrheit unmittelbar aus dem Gesetz. Zu Beginn ihrer Amtszeit haben sie in öffentlicher Sitzung einen Eid zu leisten und dabei auch zu schwören, „nur der Wahrheit und Gerechtigkeit zu dienen“ (§ 38 Richtergesetz). Das gilt genau so auch für ehrenamtliche Richter, also etwa für Schöffen.
Bei Ausübung ihres Amtes werden Richter häufig mit dem Begriff ‚Wahrheit‘ konfrontiert. So müssen Strafrichter Zeugen vor der Vernehmung nach der Strafprozessordnung ‚zur Wahrheit ermahnen‘ (§ 57 StPO). Bei der Vereidigung von Zeugen müssen sie diesen die Eidesformel (§ 66 c StPO) vorsprechen, nach der die Zeugen unter anderem schwören, ‚dass sie nach bestem Wissen die reine Wahrheit gesagt und nichts verschwiegen haben‘.
Natürlich ist es Aufgabe der Richter, die Wahrheit aufzuklären, also den Sachverhalt festzustellen, der dann der richterlichen Beurteilung unterliegt.
Nicht immer gelingt das, was jedoch nicht an ihnen selbst liegen muss, sondern auf Fehlerquellen bei den zur Verfügung stehenden Beweismitteln zurückzuführen ist, insbesondere bei Zeugen. Bestehen Zweifel an der Richtigkeit der Zeugenaussage, ist die Aufklärung der Wahrheit nicht möglich, was im Strafprozess zum Freispruch des Angeklagten führt. Im Zivilprozeß gelten andere Grundsätze, weil es hier entscheidend auf die Beweislast ankommt.
Zu Fehlern können auch schlechte Gesetze führen. Dem Deutschen Bundestag als unserem Gesetzgeber wird immer wieder vorgeworfen, schlampige Gesetze verabschiedet zu haben. So hat etwa das Mietrechtsreformgesetz von 2001 dazu geführt, dass der Bundesgerichtshof verstärkt mit Mietrechtsverfahren befasst war und sich dabei quasi als Reparaturbetrieb des Gesetzgebers betätigen musste. Der Wahrheitsfindung kann das natürlich nicht in demselben Maße dienlich sein, wie das bei ordentlichen Gesetzen der Fall wäre.
Es sei noch erwähnt, dass man kaum erfahren wird, welche richterlichen Erwägungen der Wahrheitsfindung zugrunde gelegen haben, weil die Beratungen geheim sind.
Kenner des Strafprozesses wissen aber, daß es drei Urteilsgründe gibt:
- Die mündlichen (die im Gerichtssaal vorgetragen werden),
- Die schriftlichen (mit denen das Urteil ‚revisionssicher‘ gemacht wird), und
- Die wahren (bei denen z.B. die Verärgerung über den Angeklagten oder seinen Verteidiger eine Rolle gespielt haben könnten).

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III.2. Historiker

 

Historiker sollen nach Leopold von Ranke die Geschichte so nachzeichnen, wie sie „eigentlich gewesen“ ist. Dabei müssen sie Genauigkeit in den Dienst der Wahrheit stellen. Manchen Historikern ist aber ihre persönliche Sicht bzw. Interpretation wichtiger.
Drei Beispiele aus dem letzten Weltkrieg seien in diesem Zusammenhang erwähnt:

1. Zu dem Buch „Fälschung, Dichtung und Wahrheit über Hitler und Stalin“ des bedeutenden Historikers Werner Maser hat sich der ehemalige US-Oberst und Kommandant (später Direktor) des Spandauer Kriegsverbrechergefängnisses Eugene Bird mit deutlicher Kritik an anderen Historikern so geäußert:

„Das neue Buch von Maser, dessen Hitler-Biographie weltberühmt wurde, legt bislang auch der Fachwelt unbekannte Quellen frei und rechnet mit namhaften deutschen und ausländischen Geschichtsfälschern ab.“

2. Eine offensichtliche Geschichtsfälschung war die Ausstellung „Vernichtungskrieg – Verbrechen der Wehrmacht 1941-45“. Hier wurde vorsätzlich in der Absicht gehandelt, alle Soldaten der Wehrmacht, deren Tapferkeit selbst von hochrangigen ausländischen Politikern und Militärs gewürdigt worden ist, als Angehörige einer verbrecherischen Organisation hinzustellen, was nicht einmal seitens des Nürnberger Kriegsverbrechertribunals geschehen ist.
Wir haben allen Anlaß, dem jungen polnischen Historiker Bogdan Musial zu danken, daß er aufgrund sorgfältiger Recherchen nachweisen konnte (worüber er auch in Darmstadt referiert hat), daß mit verschiedenen Fälschungen gearbeitet worden ist. Das hat dazu geführt, daß die Ausstellung aufgrund der nachgewiesenen Manipulationen von Fotos zeitweise zurückgezogen werdenmußte.

3. Zur völkerrechtswidrigen und sinnlosen Zerstörung von Dresden am 13. Februar 1945 durch alliierte Bomberverbände (selbst in deren Herkunftsländern später als ‚overbombed‘ bezeichnet), sei der ehemalige Erste Bürgermeister von Hamburg, Klaus von Dohnanyi, zitiert, der in seiner Rede vom 13. Februar 2005 (dem 60. Jahrestag) in Dresden gesagt hat:

„Etwas mehr Selbstbewußtsein täte uns gut; deutsche Geschichte besteht nicht nur aus Nazis. Man muß sagen dürfen, daß die Zerstörung von Dresden ein Verbrechen war. Wir dürfen aus Angst vor Beifall von der falschen Seite die Wahrheit nicht verschweigen".

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III.3. Journalisten

 

Die Medien und insbesondere die Presse haben aufgrund der Pressefreiheit eine starke Stellung, mit der allerdings auch Pflichten einher gehen. So dürfen nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts weder leichtfertig unwahre Nachrichten weitergegeben werden, noch darf die Wahrheit bewußt unterstellt werden.
Dagegen wird immer wieder verstoßen. Das hat auch der 1956 als Selbstkontrollorgan der deutschen Presse gegründete Deutsche Presserat nicht verhindern können. Er soll die Tätigkeit der Presse in moralisch-ethischer Hinsicht überwachen und den Grundsätzen eines sauberen und fairen Journalismus Geltung verschaffen.
Eines seiner Mitglieder, der Wirtschaftsredakteur Georg Heller, hat 1997 ein Buch veröffentlicht mit dem entlarvenden Titel:

"Lügen wie gedruckt. Über den ganz alltäglichen Journalismus."

Darin gelangt er aufgrund der aufgeführten Verstöße gegen die innere Pressefreiheit zu dem Ergebnis, daß diese zu pervertieren beginne. Wörtlich:

"Sie beginnt sich gegen den Menschen zu richten. Die Medien werden durchkommerzialisiert … Kultur wird vernichtet, der Mensch zerstört, wenn die Gewinn- und Verlustrechnung an die Stelle der Verfassung tritt."

"Das widerfährt uns nicht nur in den Medien“, so lautet das düstere, leider zutreffende Schlußwort von Heller. Im Medienbereich gibt es nicht immer eine wahrheitsgemäße Berichterstattung, weil der härter gewordene Wettbewerb dazu geführt hat, daß im Interesse von Auflagen und Einschaltquoten Fakten verändert, aufgebauscht oder verharmlost werden. Ähnlich äußert sich auch Udo Ulfkotte in seinem Buch „So lügen Journalisten“. Darin schildert er konkret, zu welchen Methoden verantwortungslose Journalisten inzwischen übergegangen sind.

Als Beispiele seien angeführt:
- Die angeblichen Hitler-Tagebücher, vor genau 25 Jahren im „Stern“ abgedruckt, obwohl es sich um plumpe Fälschungen handelte;
- Die unglaubliche Berichterstattung über den Badetod eines kleinen Jungen (Joseph A.) im Jahre 1997 in der ostsächsischen Stadt Sebnitz, von verschiedenen Zeitungen und Sendern als Opfer eines rassistisch motivierten Mordes hingestellt;
- Der Fall des als Filmfälscher bekannt gewordenen TV-Journalisten Michael Born, später vom Landgericht Koblenz zu 4 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, der zahlreiche frei erfundene Reportagen produziert hat, die von Fernsehsendern unter Verletzung ihrer Sorgfaltspflicht strenger Nachrecherche gezeigt wurden. Eines dieser Machwerke war ein Film über angebliche Aktivitäten des Ku-Klux-Klans in Deutschland, wozu Born eine Laienspielschar in weiße Kutten und Kapuzen gesteckt hatte, diese den Hitler-Gruß zeigen und ein Kreuz verbrennen ließ.
- Besonders eindrucksvolles Anschauungsmaterial für Täuschungen und Fälschungen durch Fotos oder bewegte Bilder hat die Stiftung ‚Haus der Geschichte‘ der Bundesrepublik Deutschland in Bonn in der Wanderausstellung „Bilder, die lügen“ zusammengestellt. Darin kommt deutlich zum Ausdruck, welche Möglichkeiten heute bestehen, Bilder insbesondere durch digitale Bearbeitung zu manipulieren.

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III.4. Politiker

 

Wie halten es Politiker mit ihrer Verpflichtung zur Wahrheit?

In dem eingangs zitierten Lied heißt es: „Will niemand Wahrheit hören?“. Das könnte heute anders sein. Schon im Oktober 2004 hat der Bundespräsident in Berlin die Politiker ausdrücklich aufgefordert, den Bürgern ein ungeschminktes Bild der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lage zu zeichnen.

" Die Deutschen wollen die Wahrheit wissen."

Ich glaube, dass jetzt schonungslose Offenheit gefragt und in Anbetracht der gesamtpolitischen Situation zwingend erforderlich ist. Ein Vorgehen wie in den parlamentarischen Untersuchungsausschüssen, wo man erst nach der Wahrheit und dann nach den Gründen sucht, warum man sie nicht gefunden hat, ist den Bürgern nicht länger zumutbar. Es darf nicht länger sein, daß der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes Josef Kraus in seinem Buch „Der Pisa-Schwindel“ zutreffend schreiben konnte:

" In der deutschen Schulpolitik geht sei eh und je die Angst vor der Wahrheit um."

Eine solche Angst können wir uns auf keinem Gebiet der Politik mehr leisten. Den berühmten reinen Wein können Politiker den Wählern nur dann einschenken, wenn sie sich zu etwas durchringen, was ihnen häufig fehlt: Mut zur Wahrhaftigkeit. Das bedeutet, nicht das zu tun, was vermeintlich viele Stimmen bringt, sondern das, was nötig ist, um unser Staatswesen wieder auf einen zukunftsfähigen Kurs zurückzuführen. Daß das mit Opfern verbunden sein wird, und zwar mit Opfern für alle, ist inzwischen eine Wahrheit, die nur von Phantasten oder Volksverdummern geleugnet wird.
In einer Zeit größer werdender sozialer Unterschiede fallen wieder mehr Menschen auf populistische Parolen herein. Politiker, die aus der Notsituation der Bürger ohne inhaltlich-politische Substanz Profit schlagen wollen, finden sich leider sehr schnell.
Dass auch gefestigte Charaktere bisweilen nicht vor der Kraft demagogischer Verlockungen gefeit sind, erkannte schon eine Volksweisheit, die in dem Kommersbuchlied „Wer jetzig zeitig leben will“ in Vers 2 mit Blick auf unsere aktuelle Finanzmarktsituation geradezu prophetisch so ausgedrückt ist:

Geld nur regiert die Welt,
dazu verhilft betrügen;
wer sich sonst noch redlich hält,
muss doch bald unterliegen.

In Hessen beginnt gerade der letzte Akt des Dramas „Die wahrhaftige Politikerin“ und der schon begonnene Bundestagswahlkampf wird die Politiker auch nicht in einem „Licht der Wahrheit“ erscheinen lassen.
Bleibt zu hoffen, dass sich immer mehr Politiker die Werteordnung von Francis Lieber (1798-1872), dem Begründer der Politikwissenschaften in den USA zu Eigen machen, die er bei einer Gedenkfeier zur Schlacht von Waterloo propagierte:

Patria cara - carior libertas - veritas carissima!
Teuer das Vaterland - teurer die Freiheit - am teuersten die Wahrheit!

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III.5. Weitere Berufsgruppen

 

Nicht unerwähnt bleiben sollen auch noch zwei Berufsgruppen, die bezüglich ‚Wahrheit‘ zurzeit in den Schlagzeilen sind: Sportler und Banker.
Auf der Rückseite der Olympia-Medaillen ist seit den Spielen von Athen der Anfang einer antiken Ode von Pindar aus dem Jahr 460 vor Christus eingraviert. Die Übersetzung des altgriechischen Textes lautet:

„Du Mutter der Athleten, die den Goldzweig tragen - Olympia - Du Hohe Frau der Wahrheit“.

Die Unverfrorenheit, mit der einige dopende Sportler dieses Ideal mit Füßen treten, ist umso erschreckender, wenn man ihre Vorbildfunktion für viele Jugendliche berücksichtigt.
Ideale scheinen vielen Bankern vollständig abhanden gekommen zu sein, sofern man Renditestreben nicht als Ideal ansieht. Die Tugenden eines ordentlichen Geschäftsmannes, wie sie in früheren Zeiten hochgehalten wurden, sucht man heute oft vergeblich. Dabei verwundert insbesondere die Unwahrhaftigkeit gegenüber der Unvollkommenheit der eigenen Person. So möchte man den Bankern die Lebensansicht der Schriftstellerin Sophie Bernhardi (1775-1833) mit in die Zukunft geben:

„Die höchste, ja ich möchte sagen die einzige Tugend, die der Mensch besitzen kann, ist die Wahrheit gegen sich und andere.“

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IV. Fazit und Ausblick

 

Kommen wir abschließend zurück auf die eingangs gestellte Frage:

Bedauernd muss festgestellt werden: Es hat sich nichts geändert an der Richtigkeit der Thesen von Johann Walter (die Wahrheit werde unterdrückt) und von Karl Jaspers (es gehe ein Zug von Verlogenheit durch unser politisches Leben, auch seien die politisch führenden Persönlichkeiten wahrscheinlich nicht die besten).
Eher ist in der Zwischenzeit eine Verschlimmerung eingetreten, zumal es die rasant gestiegenen technischen Möglichkeiten oft erleichtern, wahrheitsverletzend zu handeln. Der heutige Papst Benedikt XVI. hat schon in den späten neunziger Jahren geschrieben, dass „in der heutigen Welt das Thema Wahrheit fast ganz verschwunden ist“, weil sie „als für den Menschen zu groß erscheint“.

Sollen wir deshalb resignieren?

Ich denke, dass dazu keinerlei Anlaß besteht, weil sich noch immer bedeutende Persönlichkeiten dafür einsetzen, der Wahrheit zur Geltung zu verhelfen und die Lüge zu bekämpfen. Ich will erinnern

- an Papst Benedikt XVI., der als seinen bischöflichen Wahlspruch das Wort aus dem dritten Johannesbrief gewählt hat - „Mitarbeiter der Wahrheit“ - , was ihm deswegen „auch zeitgemäß im guten Sinn zu sein schien“, weil „doch alles verfällt, wenn es keine Wahrheit gibt“;

- an Roman Herzog, der getreu seinem Lebensmotto „Wahrheit und Klarheit“ als Inhaber höchster Staatsämter (zuletzt als Bundespräsident von 1994 bis 1999) bleibende Akzente gesetzt hat;

- an den am 3. August verstorbenen Literaturnobelpreisträger Alexander Solschenizyn, von dem die FAZ in ihrem Nachruf geschrieben hat:
„Lebe nicht mit der Lüge! Das war die Devise eines Schriftstellers, der die Wahrheit über die Schrecken des Jahrhunderts gesagt hat“.

Für uns als Deutsche Hochschulgilde bedeutet das, weiterhin die erwähnte Forderung (die das ‚Weiß‘ in unserem Band symbolisiert) zu erfüllen, nämlich die Wahrheit zu suchen, und zwar unter ständiger Beachtung eines Leitsatzes der bedeutenden jüdischen Physikerin Lise Meitner, die gesagt hat:
„Das ist in meinen Augen gerade der große moralische Wert der naturwissenschaftlichen Ausbildung, daß wir lernen müssen, Ehrfurcht vor der Wahrheit zu haben, gleichgültig, ob sie mit unseren Wünschen oder vorgefaßten Meinungen übereinstimmt oder nicht.“

Schließen möchte ich mit einem vierfachen Appell an uns alle, besonders aber an unsere Junggilde:

- Wir wollen uns auch dann nicht entmutigen lassen, wenn sich herausstellen sollte, dass nicht alles wahr ist, was wir dafür halten (weil wir irren können).

- Wir wollen in Übereinstimmung mit Immanuel Kant in allem, was wir sagen, wahrhaftig sein und dabei bedenken, dass dazu Mut gehört, besonders wenn die Wahrheit mißfällt oder wenn sie nicht der ‚political correctness‘ entspricht.

- Wir wollen nicht vergessen, daß auch ehrenhaftes Handeln Wahrhaftigkeit zwingend voraussetzt.

- Wir wollen bedenken, dass man die Zukunft nur meistern kann, wenn man den Fragen und Problemen der Gegenwart mit dem ernsthaften Bemühen um Wahrheit begegnet.

Ich bin sicher, daß diese Haltung unser künftiges Reden und Handeln bestimmen und uns damit auf der Suche nach Wahrheit nach vorne bringen wird. Von daher kann ich aus innerer Überzeugung sagen:

Mir ist um unsere Zukunft wahrlich nicht bange.

Ein ewiges: Vivat, crescat, floreat Fidelitas-Karlstein!

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